It follows – ein ungewöhnlich(er) guter Horrorfilm

12 it follows(Bild: https://twitter.com/itfollowsfilm)

Ich möchte gar keine Filmrezensionen schreiben. Nennen wir das hier keine Rezension, sondern einen Aufhänger. Ich nehme den Film als Anlass, um euch zu zeigen, dass eine wirklich gute (und spannende!) Horrorstory überhaupt kein ausgefallenes Monster braucht. It follows ist ein Beispiel dafür, dass eine Story durchgehend Spannung erzeugen kann, völlig ohne Dunkelheit oder beklemmende Musik, und ohne eine aufwendige Hintergrundstory oder Special Effects.

Kurz zum Inhalt…

ACHTUNG SPOILER! Wenn ihr gruselige Storys mögt und Filme liebt, lest hier bitte nicht weiter. NICHT! Schaut den Film an, kommt hierher zurück, und dann lest weiter. Ehrlich, ihr verpasst etwas, wenn ihr “It follows” nicht unbefleckt und ohne Erwartungen geschaut habt.

…Hast du den Film gesehen? Wirklich?! Na gut.

Dann kennst du die Prämisse ja schon: “Es” ist ein Wesen, von dem wir nur wissen, dass es seinen Opfern folgt und durch Sex an eine neue Person “weitergegeben” wird. Es verfolgt einen nur langsam, im Schritttempo. Es nimmt die Gestalt unterschiedlicher Menschen an. Berührt es dich, bist du tot. Alles, was du tun musst, ist auf der Hut sein – und immer weiter fliehen. Dich bewegen.

“It follows” ist ein ungewöhnlicher Film. Seine Raum- und Zeit-Logik verschwimmt ein wenig, wie in einem Traum. Wenn man genau hinsieht, machen viele Details keinen Sinn: Es ist weder Sommer noch Herbst, der Film spielt weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Er versprüht das verwirrende Gefühl eines Albtraums. Aber ich möchte wie gesagt keine Rezension schreiben. Also kommen wir gleich zum für uns interessantesten Teil: Wovon lebt der Film, wenn nicht von dem Monster?

Die Geschichte lebt vor Allem von zwei Dingen: Von Fragen und konstanter Bewegung.

Die übergeordnete Frage ist, ob die Protagonistin es schafft, dem Monster zu entkommen. Das ist natürlich in jedem Horrorfilm so, aber nicht in jedem Film ist diese Frage so allgegenwärtig: Jede Sekunde könnte „Es“ auftauchen, weshalb man als Zuschauer unter quasi durchgehender Spannung steht. Es ist nicht gebunden an die Dunkelheit, es wird nicht angekündigt durch eine vielsagende Musik. Es kann durch seine Unsichtbarkeit für andere sogar direkt hinter dem Opfer auftauchen, am helllichten Tag, während sich alle gemeinsam am Strand bräunen. Es lauert in keiner Ecke, sondern läuft ständig und erbarmungslos auf sein Opfer zu.

Weil die Protagonistin ständig in Bewegung bleiben muss, um Distanz zwischen “Es” und sich zu bringen, zeigt der Film eine niemals endende Flucht. Er verbindet zwei der basalsten Funktionen von Horrorgeschichten – Verfolgung und Todesgefahr – auf allgegenwärtige Art. Keine Minute vergeht, in der der Zuschauer diese Last nicht spürt.

Dabei ist der Film keineswegs hektisch. Durch die Langsamkeit des “Monsters” gibt es relativ wenige Actionszenen, dafür aber umso mehr (quälend langsame) Spannung. Der Film bedient keine Klischees. Die Protagonisten schließen sich beispielsweise zusammen, um das Monster zu töten – schaffen es aber nicht. Die Ohnmacht aller Beteiligten wird mit der Zeit immer deutlicher, und spätestens am Ende lernen wir, dass es für die Opfer tatsächlich keine andere Lösung gibt, als in konstanter Bewegung zu bleiben.

Und was ist mit dem Monster? Tja.. das spielt eine fast untergeordnete Rolle. Wir wissen eigentlich nichts weiter, als das, was ich oben geschrieben habe. Wir wissen nicht, was “Es” will, wie und ob man es überlisten kann, oder woher es kommt. Die Protagonisten beschäftigen sich nicht allzu intensiv mit ihm (außer dem einen Versuch, es zu töten). Manchmal ist “Es” ein normaler (wenn auch oft nackter) Mensch, der zugegebenermaßen manchmal gruselig aussieht. Aber alles in allem ist “Es” kein allzu schreckliches Monster. Ihm gilt im Großen und Ganzen nicht all zu viel Aufmerksamkeit.

Dies steht in starkem Kontrast zu den allermeisten Horrorfilmen: Godzilla wurde in seiner letzten Interpretation geradezu durchleuchtet, dem Zuschauer wurden (pseudo-)naturwissenschaftliche Erklärungen zur Story geliefert. Auch der weiße Hai ist für die Protagonisten Gegenstand dauernder Action, Diskussionen und Planungen. Das Mädchen aus The Ring hat eine Hintergrundgeschichte, die es zu lösen gilt. Bei “It follows” dagegen steht das Monster nicht in einem solch hochtrabenden Mittelpunkt. Es läuft einfach immer geradewegs auf sein Opfer zu. Aufregender wird es nicht.

Alles andere – die entrückte Realität des Films (wie in einem Traum), die Ruhe, die lebensechten Charaktere, die sinnvollen Dialoge, die auf ein Minimum reduzierten Erklärungen, die überzeugenden Emotionen (…) – all das macht den Film zu einem guten Horrorfilm. Ganz ohne ein ausgefallenes, haariges, revolutionäres Monster aus dem Labor. Ganz ohne eine komplizierte Story. Ganz ohne Dunkelheit. Ohne dramatische Musik, ohne Blut, ohne „Was ist das unter dem Bett?“-Szenen, ohne… eigentlich ohne so gut wie alles, was die vielen anderen (leider oft schlechten ) Horrorfilme so zu bieten haben.

Mein Fazit: Die Qualität eines Horrorfilms hängt nicht vom Monster ab, sondern von allen anderen Faktoren.

Das wirft natürlich die nächste Frage auf: Was sind denn bitte “alle anderen” Faktoren? Das sind natürlich jede Menge. Den ersten wichtigen Faktor werde ich im nächsten Beitrag diskutieren: Die Emotionen des Protagonisten.

Bis dahin freue ich mich über eure Meinung: Fandet ihr “It follows” auch so spannend wie ich?

 


Quelle:

“It Follows”, 2014 (U.S.A.), Drehbuch und Regie: David Robert Mitchell.

Identifikation mit dem Protagonisten: Ein Mysterium

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Gerade im Horror-Genre ist die Suche nach einer wirklich guten Geschichte leider nicht oft von Erfolg gekrönt. Zu viele Bücher und Filme vertrauen darauf, dass man die Zuschauer bloß erschrecken muss. Wenn genügend Blut fließt, genug Knochen brechen und die Monster abstoßend sind, dann kriegt der Horror-Fan doch, was er wollte. Oder nicht?

Geschichten, die nur Schocker und viel Blut bieten, finde ich einfach nur langweilig. Vielleicht bin ich auch nicht der klassische Horror-Fan. Vielleicht bin ich ein Suspense Fan, was auch der Grund dafür sein könnte, dass ich sehr oft auf Stephen King’s Bücher zurückgreife, der sich ja selbst als “Suspense-Autor” und nicht als “Horror-Autor” beschreibt.

Fakt ist jedenfalls: Ich stehe nicht auf Splatter, sinnloses Blut und billige Schocker. Und wenn man die Rezensionen von Büchern und Filmen des Horror-Genre anschaut, scheint es den meisten genauso zu gehen: Eine Geschichte, egal ob gelesen oder gesehen, muss mehr bieten als Schocks. Aber was genau ist dieses mehr?

Diese Frage wird von haufenweise Ratgebern versucht zu beantworten. Sie erzählen einem einiges über Plot, Suspense, Charakter-Bildung, Höhepunkte und Wendepunkte,… und irgendwo fällt immer das Zauberwort “Charakter-Identifikation”. Sich mit dem Protagonisten identifizieren zu können scheint eine grundlegende Eigenschaft von guten Geschichten zu sein. Und es klingt auch logisch: Kann man sich mit dem Protagonisten “identifizieren”, dann nehmen einen auch die Geschehnisse und Gefahren mit, die dieser Person begegnen. Nur…

Was genau ist Charakter-Identifikation überhaupt?

Wir alle haben eine Idee davon, was es bedeutet, wenn wir diesen Begriff hören. Es hat irgendwas damit zu tun, sich in den Protagonisten hineinversetzen zu können. Die Welt aus seinen Augen wahrnehmen zu können, seine Situation zu verstehen, mit ihm mitzufühlen, etc. pp. Man kann tausend Synonyme finden, und genau das ist ein Anhaltspunkt dafür, dass der Begriff eigentlich sehr diffus ist.

Noël Carroll (ja, immer noch – das Buch gibt viel Stoff her) sieht das so:

“Character identification” ist zwar ein schwammiger Begriff, aber in seiner Essenz scheint er vorauszusetzen, dass sich der Leser/Zuschauer mit dem Protagonisten vereint fühlt. Er sieht sich (zeitweise) als eins mit dem Menschen, der in der Geschichte steckt. Er “identifiziert” sich mit der Lage, Situation, ja sogar den Gefühlen des Protagonisten in der Story. Er sieht sich vor seinem geistigen Auge selbst in der Situation, in der der Protagonist steckt. Ich muss also das Gefühl haben, dass mir das Ganze selbst passiert oder passieren könnte, und dann erst fühle ich nach, was der Held in der Story gerade fühlen muss. So scheint sich, wenn man die Theorien und Ratgeber zum Thema liest, “character identification” beschreiben zu lassen.

ABER…

Das ist einfach nicht der Fall. Wir fühlen nicht das, was der Protagonist in der Story fühlt.

Klingt gewagt? Brechen wir mal auf, worauf sich die Gefühle von Zuschauer und Protagonist jeweils beziehen, und dann sehen wir, dass sie nicht dasselbe sein können:

Sagen wir, der Protagonist flieht vor einem schrecklichen Monster. Natürlich empfindet er Angst und Panik, er denkt nur noch ans Überleben. Seine Gefühle beziehen sich auf die Situation, dass er vor einem Monster flieht und sterben könnte.

Der Leser bzw. Zuschauer dagegen sieht jemandem zu, der vor einem schrecklichen Monster flieht. Auch er ist, wenn die Story ihn ergreift, emotional aufgewühlt. Doch er hat diese Gefühle nicht aus denselben Gründen wie der Protagonist. Die Situation, auf die sich die Gefühle des Zuschauers beziehen, ist größer als die des Protagonisten. Die Emotionen des Zuschauers richten sich auf die Situation, in der jemand vor einem Monster flieht und in der diese andere Person sterben könnte. Hinzu kommt noch, dass wir als Zuschauer auch die Gefühle des Protagonisten, die wir natürlich als Panik und Todesangst erkennen, in unsere Wahrnehmung der Situation mit einfließen lassen.

Der Unterschied beruht darauf, dass wir mehr wissen als der Protagonist. Er weiß nicht, dass er nur in einer Story steckt, aber wir wissen, dass er in der Story steckt und dass wir nur Zuschauer sind. Wir vergessen zu keinem Zeitpunkt, dass wir eine Geschichte beobachten, in der jemand anders um sein Leben läuft und nicht wir selbst. Wie Carroll auf diese These kommt, habe ich im letzten Beitrag dargestellt: Würden wir “vergessen”, nicht selbst in Gefahr zu schweben, – unterlägen wir der Illusion, wir seien selbst in Todesgefahr – dann würden wir aus dem Kinosessel aufspringen, statt weiter, von der guten Unterhaltung gebannt, Popcorn zu essen.

Man kann es auch so ausdrücken: Der Protagonist hat “egoistische” Gefühle, denn sie beziehen sich nur auf seine eigene Person. Er hat Angst, weil er selbst in Gefahr ist. Der Zuschauer hat “altruistische” Gefühle, weil sie sich auf eine andere Person beziehen, die in Gefahr schwebt. Damit ist klar, dass die Gefühle, die Protagonist und Zuschauer/Leser empfinden, nicht dieselben sind. Der Protagonist empfindet Panik und Todesangst, der Leser empfindet Sorge um eine andere Person.

Damit soll nicht gesagt sein, dass die Gefühle von Zuschauer und Protagonist komplett verschieden sind. Natürlich haben Protagonist und Zuschauer teilweise überlappende Gefühle: Beide haben Angst vor dem Gedanken an ein schreckliches Monster. Sie erschrecken sich in demselben Augenblick, in dem das Monster plötzlich aus dem Schrank springt. Sie ekeln sich gleichzeitig, als es seinen augenlosen Kopf hebt. Solche parallelen Gefühle gibt es im Horror-Genre oft, und eine Kunst des Horror liegt natürlich darin, Ängste anzusprechen, die in quasi allen Menschen wohnen.

Dennoch: Diese Gefühle bezüglich des Monsters zu teilen, ist nur eine teilweise Überlappung, eine “partial correspondence”, der Gefühle. Carroll hinterfragt daher, warum man überhaupt von Charakter-”Identifikation” spricht, wo Identifikation doch eher eine vollständige Eins-Werdung andeutet. Anders gesagt: Letztlich teilt man die Angst-Gefühle vor dem Monster ja auch mit seinen Sitznachbarn im Kino, aber ich würde nie von einer “Identifikation” mit den anderen Zuschauern sprechen.

Daher sieht Carroll in unserem Mitfiebern keine “Identifikation” mit der Lage des Charakters. Unsere Gefühle beziehen sich auf jemanden anders in Gefahr. Solche Gefühle kennt jeder auch aus dem Alltag: Eine Freundin erzählt dir, dass ihr letztens etwas Schreckliches passiert ist: Auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch wurde ihr das frische Arbeitszeugnis aus der Hand geweht, es wurde bis hinauf aufs Dach gewirbelt, und dann musste sie dort hinauf, um es zu holen, obwohl sie große Höhenangst hat, und als sie oben war und bis zum Rand des Dachs geklettert ist, ist plötzlich…  da hört man doch gebannt zu, oder? Und das, obwohl sich die Gefahr keineswegs auf uns selbst bezieht.

Was Carroll mit all dem zeigt ist, dass wir den Begriff “Charakter-Identifikation” vielleicht zu leichtfertig benutzen. Er ist irreführend, denn er scheint zu beschreiben, dass die Gefühle des Protagonisten identisch sind mit unseren eigenen Gefühlen. Dabei lässt der Begriff außer Acht, dass die Situation, auf die sich unsere Gefühle beziehen, eine ganz andere ist als die, in der der Protagonist sich befindet. Die Gefühle, die eine gute Geschichte im Leser/Zuschauer auslöst, sollten anders bezeichnet werden. Letztlich ist es die Sorge um den Protagonisten, die mich in Spannung versetzt, und allein der Gedanke an das Monster, das ihm begegnet, löst Horror in mir aus. Ganz ohne, dass ich glaube, selbst in dieser Gefahr zu schweben.

Wie im letzten Beitrag schließe ich hier mit der folgenden Erkenntnis: Unsere Gedanken allein können wohl mehr in uns auslösen, als es ihnen die meisten Theorien zutrauen.


Quelle:

“The Philosophy of Horror, or Paradoxes of the Heart” Noël Carroll, Routledge (1990)

Kraft der Gedanken

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Wenn man Noël Carrolls großes Buch* über Horror liest, wird einem erst klar, wie viele paradoxe Fragen das Horror Genre aufwirft:

Warum ist Horror ausgerechnet zur Zeit der wissenschaftlichen Revolution aufgeblüht, als die Gesellschaft begann, rationaler zu denken?

Warum gruseln wir uns gerne, wo Angst doch ein negatives Gefühl ist? Warum setzen wir uns dieser Angst freiwillig aus?

Warum machen uns ausgerechnet Wesen Angst, von denen wir wissen, dass es sie nicht geben kann? 

Einige dieser Fragen habe ich bereits in älteren Beiträgen diskutiert. Doch Carroll geht in seinem Buch noch einen Schritt weiter:

Er hinterfragt, ob die Angst, die wir beim Lesen oder Schauen von Horror empfinden, dieselbe Angst ist, die man bei reellen Gefahren empfindet. Ist die Angst vor dem Geist in Paranormal Activity wirklich von vergleichbarer Qualität wie etwa die Angst vor einem aggressiven Bären? Können durch Fiktion erzeugte Gefühle echt sein?

Dieser Frage nähert sich Carroll mit Hilfe von drei gängigen Theorien:

  1. Die Illusions-Theorie

Die Illusion Theory besagt, dass wir beim Filmgucken der Illusion unterliegen, tatsächlich von dem Monster bedroht zu werden. Dass wir unser Wissen darüber, dass wir nur einen Film gucken und das Monster uns unmöglich etwas antun kann, über Bord werfen und – wenn auch nur vorübergehend – glauben, in echter Gefahr zu sein.

Das klingt erst mal unglaubwürdig – wir sind schließlich nicht dumm und “vergessen” sicher nicht, im Kinosaal zu sitzen, statt mit Arnold Schwarzenegger im Dschungel vor einem Kampf-ausgebildeten Alien zu fliehen. Die Idee beruht aber auf der Annahme, dass wir durch das Schauen von Filmen die Künstlichkeit der Situation aufgrund der vielen Einflüsse vergessen. Die Bilder und Geräusche sind so eindringlich, dass unser Verstand für einen Moment in den Hintergrund rückt und die Gefahr echt wirkt.

Wer bis hierher schon das Gefühl hatte, dass diese Theorie wenig überzeugend klingt, teilt seine Meinung mit Carroll. Laut ihm gibt es mehrere Probleme mit der Illusions-Theorie, wovon er eines an diesem Beispiel verdeutlicht:

Wären wir davon überzeugt, in echter Gefahr zu schweben, was würden wir dann machen, wenn Godzilla auf die Kamera zuläuft? Wir würden kaum im Kinosessel sitzen bleiben und weiter Popcorn futtern – aber genau das tun wir. Unsere Reaktion im Kinosaal passt nicht zu der von Menschen, die glauben, in echter Gefahr zu sein. Eine Hypothese hält nur so lange vor, wie sie die beobachtbaren Phänomene korrekt hervorsagen kann. Und in diesem Fall scheitert es ziemlich schnell daran, dass Theorie und Praxis nicht zusammenpassen.

Es gibt noch weitere Probleme mit der Illusions-Theorie, aber dieses eine reicht eigentlich schon aus, um sie zurückzuweisen. Gehen wir gleich weiter zum nächsten Kandidaten:

2) Die Vorgeben-Theorie

Klingt auf Deutsch doof, macht auf Englisch mehr Sinn: “The Pretend Theory”. Unter ihr wird vorgeschlagen, dass wir sehr wohl wissen, dass wir nicht in echter Gefahr schweben, dafür aber so tun als ob uns das Ganze Angst einjagen würde. Das größte Problem der Illusions-Theorie ist damit behoben: Wir springen nicht aus dem Kinosessel auf, weil wir nicht tatsächlich glauben, in Gefahr zu sein. Wir empfinden dennoch ein (Pseudo-)Gefühl der Angst, nur dass dieses nicht ohne unsere Bereitschaft entsteht.

Ich glaube, am besten vergleicht man das Konzept der “Pseudo-Angst” mit dem Fangenspielen als Kind. Wenn mein Freund angerannt kam, mich antippte und im Weglaufen laut “DU BIST!” rief, war das natürlich nur ein Spiel. Ich hätte ihn ignorieren und sagen können “nö, keine Lust”. Aber ich habe mich allzu gern auf das Spiel eingelassen und mich dazu entschieden, mich davon aufwühlen zu lassen, dass nun ich der Fänger war.

Ein anderes Beispiel, das dem Gefühl des Gruselns bereits ziemlich nahe kommt:

Als ich klein war hat mein Vater manchmal das “Monster” gespielt. Dazu hat er mit den Zeigefingern Hörner an seine Stirn gezaubert und mich unsere lange Treppe hinaufgejagt. Natürlich war mir klar, dass das nur ein Spiel war, dass man Vater mir nicht gefährlich sein konnte. Aber sobald ich mich auf das Spiel einließ und die Stufen hinauf rannte, und ich seine polternden Schitte hinter mir hörte, hat mich trotzdem ein unbehaglicher Fluchtreflex ergriffen. Wenn er schließlich mein Bein erreichte, habe ich mich vor der Berührung erschrocken – obwohl mir bewusst war, dass alles nur ein Spiel war.

Meine Gefühle waren bei diesen Spielen, sobald ich mich darauf eingelassen hatte, echt. Sie waren vielleicht nicht so heftig, wie sie gewesen wären wenn ein echtes Monster mich verfolgt hätte – sie waren abgeschwächter, aber dennoch echt und außerhalb meiner Kontrolle. Klingt nach einer ganz guten Beschreibung dessen, was wir im Kinosaal empfinden, oder nicht? Aber hier kommt das Problem: Anhänger der Pretend Theory glauben nicht, dass die Gefühle, die wir bei solchen gespielten Situationen empfinden, echt sind. Denn, so die Logik, wenn das Objekt, vor dem wir Angst haben, fiktiv ist, können auch die Gefühle nur fiktiv sein – eben “vorgegeben”.

Carroll hat viele Seiten seines Buches der Diskussion dieser Theorien gewidmet. Ich kürze das Ganze etwas ab und hake direkt an dieser Stelle ein, weil ich sie am einleuchtendsten finde. Dazu schlagen wir am besten gleich einen Haken zur letzten Theorie:

3) Die Gedanken-Theorie

Vielleicht macht das Englische hier wieder mehr Sinn: The Thought Theory. Bei ihr geht es nicht um Illusionen, es geht auch nicht um So-tun-als-ob. Diese Theorie beruht auf der Idee, dass unsere Gedanken bzw. unser Vorstellungsvermögen mehr Macht haben, als die anderen Theorien ihnen zutrauen.

Das Fragwürdige an der Pretend Theory war, dass sie die Gefühle, die beim “Spielen” aufkommen, für unecht hält. Die Logik: Wir empfinden keine echte Angst, wenn jemand uns beim Fangenspielen verfolgt, und genauso fühlen wir auch keine echte Angst beim Gucken von Horrorfilmen. Alles ist nur ein “Spiel”, inklusive unserer Gefühle.

Wer von sich behaupten kann, schon mal einen wirklich guten, gruseligen Film geguckt zu haben, der wird das Gegenteil bezeugen können. Wenn wir ahnen, dass die Protagonistin beim Blick unter ihr Bett etwas Unheimliches entdecken wird, das sie am Fuß packen und unters Bett zerren wird, dann saugen wir die Luft ein, halten den Atem an und bangen, vielleicht mit verkrampften Schultern, um die Protagonistin und um ihr – wenn auch fiktives – Leben.

Wenn es an solchen Stellen zu gruselig wird, wendet man den Blick vom Bildschirm ab, bis die Szene vorüber ist. Das Abwenden vom Bildschirm dient nichts anderem als der Ablenkung von dem Gedanken, den der Film uns aufdrängt. Wir glauben in den Moment natürlich nicht, dass die Schauspielerin eine echte Person ist, die in echter Gefahr schwebt, aber der Gedanke daran löst beklemmende Gefühle in uns aus.

Ich teile mein persönliches Fazit mit Carrolls Ansicht: Es geht beim Horror schauen oder lesen nicht darum, dass man an das Böse, was einem dort begegnet, glaubt. An etwas zu glauben ist keineswegs das gleiche wie an etwas zu denken bzw. sich etwas vorzustellen.

Die obigen Hypothesen gehen davon aus, dass wir keine “irrationalen” Gefühle haben können. Dass Filme und Bücher, von denen wir wissen, dass die Figuren und Handlungen fiktiv sind, uns nicht berühren sollten, wenn wir nicht der Illusion unterliegen, in echter Gefahr zu sein oder wie in einem Spiel „so tun als ob“. Aber warum liebe ich immer noch meinen ältesten Teddybären? Er ist nicht „echt“, und das weiß ich auch. Meine Zuneigung zu ihm ist also ein sehr irrationales Gefühl, ich würde aber steif und fest behaupten, dass es echt ist. Ich würde schreien, wenn ihn jemand vor meinen Augen zerreißt. Warum macht es mir Angst, auf einer Dachkante zu stehen, obwohl niemand da ist, um mich hinunter zu stoßen, und ich ganz sicher nicht von selbst springen würde? Warum habe ich Angst vor der fiktiven – und sehr unwahrscheinlichen – Vorstellung, hinunter zu fallen?

Weil allein der Gedanke daran so gruselig ist, dass er in mir ein Gefühl der Angst auslöst.

 


Quellen

*”The Philosophy of Horror, or Paradoxes of the Heart” Noël Carroll, Routledge (1990)

Horrorfilme gucke ich ungern alleine, aber NICHT weil ich Schiss hätte

9 Deine Gefühle unter meiner Haut

Machst du das auch? Jemand lächelt, ich muss automatisch zurücklächeln. Selbst bei wildfremden Leuten passiert mir das. Wenn ich einen guten Freund nach langer Zeit wiedersehe, kann ich mein breites Grinsen nicht mal unterdrücken, wenn ich es versuche. Anderes Beispiel, selbes Phänomen: Du kommst nach hause und dein Partner/Kind/Mitbewohner ist schlecht drauf. Verdirbt dir das nicht irgendwie auch die Laune?

Ich rede nicht von Empathie (Einfühlungsvermögen), sondern von einer echten “Ansteckung” mit den Gefühlen anderer. Also nicht davon, Verständnis zu zeigen, sondern davon, die Gefühle tatsächlich zu übernehmen. Bei Kindern ist so eine emotionale Ansteckung besonders gut beobachtbar, da gibt es durchaus mal ganze Klassenzimmer, die zusammen anfangen zu weinen. Als Erwachsene werden die meisten zwar immer besser darin, die eigenen Gefühle im Zaum zu halten, aber selbst die stoischsten Menschen können sich nicht ganz gegen emotionale Ansteckung wehren.

Wissenschaftler haben verschiedene Hypothesen dazu, wie wir uns mit Gefühlen anstecken. Zunächst wurde vorgeschlagen, dass wir unser Gegenüber bewusst spiegeln: Durch Analysieren, Nachdenken und Hineinversetzen in die Situation des anderen – solange, bis wir nicht nur die geschilderten Erlebnisse aus seinen Augen sehen, sondern sogar seine Gefühle nachempfinden. Heute geht man davon aus, dass die Nachahmung auf einer Mischung aus oben Genanntem und subtileren, unbewussten Prozessen beruht. Dass vieles davon unbewusst geschieht, wird auch von einigen Experimenten unterstützt:

Beispielsweise wirkt allein das Ansehen von Fotos ansteckend. Jackson et al.* haben gemessen, dass Bilder, die Menschen in schmerzhaften Situationen zeigen, bei den Betrachtern genau diejenigen Hirnregionen aktivieren, die normalerweise aktiv sind, wenn man selbst Schmerzen hat. Auch wenn wir nicht wirklich dieselben Gefühle “empfinden” können wie die Menschen, die wir betrachten, so empfinden wir sie in gewisser Weise neuronal nach. Und das gilt längst nicht nur für Schmerzen.

Das Gefühle-Spiegeln geht schon bei den kleinsten täglichen Interaktionen los, wenn jemand mit uns redet und wir automatisch – viel zu schnell, als dass wir darüber nachdenken könnten – die Emotionen, die der andere ausstrahlt, im eigenen Gesicht und Körper spiegeln. Mimik, Gesten und Bewegungen ahmen wir ständig nach, und zwar teilweise so subtil, dass es außerhalb von Experimenten schlecht nachweisbar ist. Verblüffend ist die Geschwindigkeit dieser Spiegelungen: Wir imitieren andere so schnell, dass es zwischen ihren Regungen und unseren eigenen nur eine sehr geringe messbare Zeitverzögerung gibt. Ein Vergleich: Muhammad Ali ließ seine berüchtigte Boxerfaust binnen 190 Millisekunden auf einen Lichtreiz hin nach vorn schießen, während die imitative Nachahmung anderer (Gesichtszüge, Gesten) bereits nach 21 Millisekunden eintritt. Das Ganze ist also Nichts, was wir bewusst steuern – im Gegenteil ist bewusste Nachahmung nachweislich sogar viel langsamer und sieht obendrein wenig überzeugend aus.

Den Grund dafür, dass wir uns mit Gefühlen anderer so leicht anstecken, sehen Forscher in der Wichtigkeit der Emotionen unserer Mitmenschen. Gehen wir in die Zeit und Umgebung zurück, in der diese Eigenschaft entstanden sein muss: So war es z.B. für das eigene Überleben wichtig, die kleinsten Signale von anderen (Angst, Schreck, aber auch Aggression und Zuneigung) schnell richtig einzuordnen, wenn wir im Wald recht ungeschützt zwischen Raubkatzen und co. herumsaßen und Samen vom Boden aßen. Das lässt sich auch bei Affen gut beobachten: Sobald das kleinste Zeichen einer Gefahr droht, reagieren sofort alle darauf. Auch wir Menschen verfallen schnell in Massenpanik (Beispiel Loveparade 2010), denn wenn andere um uns herum eine Gefahr wittern, ist das für uns ein überlebenswichtiges Zeichen, ebenfalls zu reagieren. Wir sind extrem gut darin, Mimiken und Körpersprache richtig und schnell zu interpretieren. Dass wir sie darüber hinaus spiegeln, also an andere weitergeben, lässt sich auf unser Zusammenleben in einer Gruppe zurückführen. Lange bevor es Sprache gab, konnten wir uns so über die Gefahren in unserer Umwelt in Blitzschnelle austauschen, indem wir den Mimiken anderer Aufmerksamkeit schenkten und diese sofort an andere weitergaben.

Dass die Emotionen anderer uns auf so subtile, schnelle Weise anstecken können, ohne dass wir darüber nachdenken müssen, gibt Genres wie Horror eine gewisse Superkraft: Horror (und auch Komödie) haben zum Ziel, eine sehr starke emotionale Reaktion im Publikum auszulösen. Sie zielen auf eine Spiegelung der Emotionen der Charaktere ab. Und wenn wir gruselige oder lustige Filme obendrein mit anderen zusammen gucken, also in der Gruppe, spiegeln wir nicht nur die Reaktionen der Schauspieler in dem Film, sondern auch die der anderen Zuschauer, die wiederum die Reaktion ihrer Nachbarn spiegeln und so weiter. Was für eine Kettenreaktion!

Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass ich nie alleine Horrorfilme gucke. Es geht nicht darum, dass ich mich zu sehr grusele, um mich allein dem schwarzen Mann zu stellen. Ganz im Gegenteil: Wegen der emotionalen Ansteckung mit den Gefühlen meiner Freunde ist es sogar noch aufreibender, gute Horrorfilme gemeinsam zu schauen.

Ha! Wenn das mal keine perfekte Ausrede ist.


Quellen

*”How do we perceive the pain of others? A window into the neural processes involved in empathy” Philip L. Jackson, Andrew N. Meltzoff, and Jean Decety, NeuroImage (2005), 24, 771–779. http://ilabs.washington.edu/meltzoff/pdf/05JacksonMeltzoff_NeurIm.pdf

“Emotional contagion” E. Hatfield, J. L.  Cacioppo & R. L. Rapson, Current Directions in Psychological Sciences (1993), 2, 96–99. http://www.elainehatfield.com/ch50.pdf

In jedem Monster steckt auch ein Clown

8 Humor und Horror

Stephen King schrieb im Vorwort einer Kurzgeschichte in Basar der Bösen Träume:

“Ja, ich mag Horrostorys. Ich mag aber auch Krimis, Spannungsromane, Seeabenteuer und Lyrik… Um nur einiges zu nennen. Außerdem lese und schreibe ich gern Geschichten, die ich lustig finde, was niemanden überraschen sollte, denn Humor und Horror sind siamesische Zwillinge.”

Als ich zum ersten Mal über eine ähnliche Aussage gestolpert bin, musste ich die Stirn runzeln. Horror und Humor? Sind das nicht so ziemlich die gegensätzlichsten Genres, die man sich vorstellen kann? Horror verursacht Spannung, Humor wirkt befreiend. Lachen ermutigt und ist stimulierend, Angst ist beklemmend und erdrückend. Warum sollen Genres, die so gegensätzliche Gefühle auslösen, nah verwandt sein?

Dazu habe ich etwas gelesen*, und ja, wenn man darüber nachdenkt, haben die beiden Genres einiges gemeinsam:

Die basalste Gemeinsamkeit ist, dass beide auf sehr starke emotionale Reaktionen abzielen (Freude oder Angst). Das machen sie so zuverlässig, dass Horror und Komödien gern in Experimenten für “Zuschauer-Reaktionen” genutzt werden. (Das soll übrigens auch ein Grund dafür sein, dass Horror nach wie vor ein beliebtes Genre ist: Zuschauer, die Horror lieben, sind auf der Suche nach starken emotionalen Erlebnissen.)

Horror und Komödie zielen natürlich auf sehr unterschiedliche Reaktionen ab. Das eine erzeugt Angst, das andere Freude. Das klingt nicht nach einer Verwandtschaft, sondern eher nach Zufall. Trotzdem ist King nicht der einzige, der eine Verbindung zwischen Schrecklichem und Lustigem sieht. Beispielsweise bezeichnete Robert Bloch, der Autor von Psycho, Horror und Komödie als “zwei Seiten derselben Münze”, die beide mit dem “Grotesken” und dem “Unerwarteten” spielen.

Noël Carroll drückt es so aus: Monster sind durch ihre halb-fiktive Natur (mehr dazu hier) eine Verletzung für unsere Kategorien, Normen und Konzepte. Denn sie sind immer Übergangswesen, die nicht recht in eine Kategorie passen wollen (Vampir: Mensch, aber auch Biest; Zombie: tot, aber auch lebendig). Monster halten sich nicht an unsere alltäglichen Normen, und Humor und Komödie tun es auch nicht: Die besten Witze gehen eigentlich immer ein bisschen “zu weit” – sie überschreiten gesellschaftliche Grenzen und Normen.

Für Francis Hutcheson ist es das Zusammenbringen von Gegensätzen, was Humor ausmacht: Unvereinbare, sich widersprechende Konzepte und Ideen sind die Grundlage dafür, dass wir lachen. Anders ausgedrückt: Witze sind Kategoriefehler. Betrachten wir den Witz

Ein Ballon zum anderen: „Ich glaub, ich habe Platzangst.“

ist klar, worin hier der Fehler liegt. (Platzangst bezieht sich auf die Kategorie “Platz” als räumliche Ausdehnung, ist also die Angst vor der Enge. Der Ballon aber spricht vom Platzen, was nicht dasselbe ist wie Platz. Der Ballon begeht einen Kategoriefehler.)

Und genau hierin sieht Carroll Noël die Verbindung zwischen Horror und Komödie: Beide spielen mit den Kategorien und Konzepten, die im normalen Leben gelten, sie erschaffen Unstimmigkeit. Monster überschreiten unsere Konzepte vom Natürlichen und Möglichen, und Witze bewegen sich zwischen allen möglichen Kategorien hin und her oder überdehnen Normen.

Wegen dieser Gemeinsamkeit ist es auch recht einfach, eigentlich lustige Elemente in Schreckliches zu verwandeln und umgekehrt. Carroll nimmt als Beispiel Clowns. Was eigentlich ein lustig angemalter Mensch ist, der uns zum Lachen bringen soll, wird spätestens seit Stephen King’s Es sehr leicht zum Monster transformiert. An diesem Beispiel lässt sich gut verdeutlichen, wo die Gemeinsamkeiten zwischen Komödie und Horror liegen:

Clowns sind, nach Carrolls Definition, eigentlich perfekte Monster. Sie sind menschlich, aber haben fiktive Eigenschaften wie übermäßige Tollpatschigkeit und die Fähigkeit, heftige Schläge oder gar Kanonenkugeln einzustecken. Sie tragen viel zu große Schuhe, ihre Jacken sind zu weit und das Gesicht ist extrem geschminkt. Sie sind zwar menschenähnlich, überschreiten aber die Kategorie “Mensch” im Sinne dessen, was wir normalerweise können, wie wir aussehen und wie wir uns normalerweise verhalten.

Die einzige Zutat, die man braucht, um einen Clown in ein echtes Monster zu verwandeln, ist Gefährlichkeit. In King’s Es ist das Monster buchstäblich ein Clown mit Luftballons, aber von ihm geht eine große Gefahr aus: Er verschleppt Menschen und lässt sie verschwinden. Dass Es ein Wesen aus einer anderen Dimension ist, erfahren wir erst am Ende des Geschichte, und ehrlich gesagt gehört diese Auflösung nicht zu den Stärken der Story. Es braucht neben dem Kinderfressen gar keine weitere fiktive Eigenschaft, um gruselig zu sein.

Umgekehrt funktioniert das Ganze auch: Man stelle sich einen Vampir vor, der seine Opfer in Trance versetzt, um sie auszusaugen. Ein klassisches Monster mit Ähnlichkeit zum Menschen, aber zusätzlichen fiktiven Eigenschaften plus Gefährlichkeit. Wenn dieser Vampir seine Gefährlichkeit verliert – indem ihm beispielsweise die Zähne altersbedingt ausfallen und er nur noch einen schrumpeligen Mund auf zu zuklappt – wird er automatisch zur Lachnummer. In Hotel Transylvania ist der Hausherr genau so ein Vampir. Er hat zwar noch spitze Zähne, aber da er Menschen grundsätzlich nichts antut, ist er auch nicht gefährlich. Die meisten seiner untergebenen Mit-Monster fürchten sich sogar vor Menschen zu Tode, und der Vampir wird zur Figur in einer Komödie – zu einem Clown.

Als Kurzformeln kann man festhalten:

Monster – Gefährlichkeit = Clown.

Clown + Gefährlichkeit = Monster.

Wer hätte das gedacht?


*Quelle

”Horror and Humor” Noël Carroll, The Journal of Aesthetics and Art Criticism (1999), 57:2, 145-160.

Gib mir einen Spiegel, und du kannst das Monster behalten

7 Horror Mirror

Hast du dich mal gefragt, wo der Unterschied zwischen Märchen-Monstern und Monstern in Horrorgeschichten liegt? Ich auch nicht. Aber gerade habe ich einen Artikel von The Journal of Aesthetics and Art Criticism dazu gelesen, der nicht nur diesen Unterschied erklärt hat, sondern mich noch in einem anderen Punkt erleuchtet hat. Aber eins nach dem Anderen.

Man könnte meinen, dass sich das Horror Genre durch die Anwesenheit von Monstern definieren ließe. Aber Märchen können genauso große, haarige, hässliche Monster beherbergen wie Grusel-Filme und -Bücher. Der Unterschied liegt darin, wie die Charaktere der jeweiligen Geschichten auf ein Monster reagieren.

In Märchen und Mythen nehmen die Leute die Fabelwesen (Wesen mit unrealistischen Eigenschaften) als selbstverständlichen Teil ihrer Welt hin. Niemand wundert sich bei Frau Holle, dass das fertig gebackene Brot um Hilfe ruft und der Baum darum bittet, von seinen Äpfeln befreit zu werden. Dass Rotkäppchen nicht fragt, warum der böse Wolf sprechen kann, liegt nicht daran, dass sie dumm ist. In ihrer Welt ist das einfach so. Die geradezu entspannte Reaktion der Charaktere zeigt uns, dass solche fantastischen Wesen, sogar böse Monster, ein akzeptierter Teil ihrer Realität sind.

Nicht so in Horrorgeschichten. Da reagieren die Figuren so, wie wir reagieren würden, wenn ein Clown mit Luftballons uns mit spitzen Zähnen aus dem Abwasserkanal angrinsen (Es) oder irgendwas Unsichtbares uns am Fuß aus dem Bett reißen würde (Paranormal Activity): Schreien! Weglaufen! Ein Messer nehmen und wild auf das Ding einstechen! Wenn ihr euch zukünftig ein mal fragt, ob ihr ein finsteres Märchen lest oder eine Horrorgeschichte, wisst ihr jetzt, wonach ihr suchen müsst.

Und hier kommt der Teil, der mich überrascht hat. Was mich daran überrascht hat, war eigentlich nicht der Inhalt, sondern die Tatsache, dass mir das noch nie aufgefallen ist:

Das Horror-Genre zielt wirklich immer darauf ab, dass die Emotionen der Charaktere von den Zuschauern bzw. Lesern gespiegelt werden. Hat die Figur in der Geschichte Angst, ist das genau die Stelle, an der auch der Zuschauer angespannt ist. In Momenten, in denen die Gefahr vorüber scheint, sind auch wir entspannter. Das ist nicht in allen Genres so, und bei Komödien ist es sogar genau umgekehrt: Der Protagonist bekommt einen Wutanfall oder verletzt sich – und wir lachen.

Wie exakt die Emotionen von Figuren und Zuschauern im Horror Genre synchronisiert sind, erkennt man wunderbar an den Reaktionen im Kinosaal. Und dabei spielt nicht nur Angst eine Rolle, sondern auch Ekel: Eigentlich sind wir von jedem Monster auch immer angewidert. Wir finden seine Berührung (oder gar die Vorstellung davon) abscheulich, wollen unter keinen Umständen seinen Speichel abbekommen oder von seinem ledrigen Flügel gestreift werden.

Sehr ausgiebig herausgearbeitet wird dieser Ekel-Aspekt beispielsweise in Alien, wo der gewöhnungsbedürftige Fortpflanzungszyklus mit Facehuggern und aufplatzenden Bauchdecken genau wie der niemals enden wollende Fluss von Alien-Speichel praktisch jede Monster-Szene begleiten. Auch Dr. Frankenstein, der zunächst fasziniert ist von seiner Erschaffung, entwickelt Ekel vor dem untoten Monster und stürzt das arme Ding in Selbstzweifel und Trostlosigkeit.

Mir war gar nicht bewusst, dass der Ekel-Reaktion im Horror Genre eine so große Rolle beigemessen wird. Laut den Autoren von The Nature of Horror* liegt das daran, dass Monster Übergangswesen sind, die nur teilweise unrealistische Eigenschaften besitzen und sich damit nie ganz in unserer Welt verorten lassen. Sie gehen sogar so weit, den Ekel vor Monstern mit anderen “Übergangswesen” zu vergleichen, wie Leichen (irgendwie “da”, aber auch nicht am Leben), oder gar Riesengarnelen, die mit ihren Beinen an Landlebewesen erinnern, paradoxerweise aber in der Tiefsee zu Hause sind. Wir können diese Dinge nicht in eine “saubere” Kategorisierung bringen, weshalb sie auf uns “unrein” wirken und genau wie Monster damit eine gewisse Abscheu und sogar Ekel verursachen.

So weit die Theorie. Ein interessanter Gedanke, finde ich.

Ich muss aber sagen, dass ich mit der Faustregel “Kategorisierungsprobleme = Ekel” nicht als Alleinstellungsmerkmal umgehen würde. Vor den Übergangswesen Einhorn und Meerjungfrau ekeln wir uns ja schließlich nicht, oder?

Dennoch stimmt es im Bezug auf Horror Storys, dass ich oft Angst und Ekel vor einem Monster empfinde. In jedem Fall zielt Horror auf eine Spiegelreaktion der Zuschauer und Leser ab, was dem Ganzen große emotionale Stärke verleiht. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, weshalb wir wohl gar kein Monster benötigen, um uns zu gruseln: Ist der Charakter in der Geschichte überzeugend in Angst versetzt, bin ich es auch. Mir wird ein Spiegel vorgehalten, und plötzlich muss ich das Monster gar nicht mehr sehen.


Quelle
“The Nature of Horror”, Noël Carroll, The Journal of Aesthetics and Art Criticism © The American Society for Aesthetics (1987), 46:1, 51-59. http://www.jstor.org/stable/431308

Monster sind auf zwei Arten gefährlich

6 Doppelte Gefahr

Eine Art, auf die sie gefährlich sind, ist offensichtlich: Fast alle Monster, egal ob in Büchern, TV-Serien, Filmen, Bettgeschichten oder Spielen, können uns körperlich verletzen. Sie sind immer riesengroß, gut bewaffnet oder beides. Das macht sie für uns genauso gefährlich wie ein hungriger Tiger, ein aggressiver Schimpanse (die sind stärker, als man denkt) oder ein wütender Elefant.

Aber sie sind eben nicht genau dasselbe wie solche Feinde, denen wir auf der Erde tatsächlich begegnen können. Laut duden.de wird “Monster” so definiert:

“furchterregendes, hässliches Fabelwesen, Ungeheuer von fantastischer, meist riesenhafter Gestalt”

Die kritische Eigenschaft neben furchterregend ist “fantastisch”. Eine Geschichte mit einem tollwütigen Wolf, der wahllos Menschen zerfetzt, ist eben nur eine Geschichte über einen erkrankten Wolf. Monster aber haben zusätzlich zu ihrer Größe, ihren Waffen oder ihrer Giftigkeit noch andere Eigenschaften, und diese sind immer fantastisch, also ausgedacht, völliger Quatsch, unmöglich.

Zombies zum Beispiel sind “Untote”, die sich bewegen können, obwohl ihre Muskeln wegen des fehlenden Blutflusses gar kein Zucker erreicht – ein Motor, der ohne Benzin läuft. Vampire verwandeln sich von einem 80 kg Menschen in eine wenige Gramm schwere Fledermaus und zurück, ohne ihre vorherige Masse zu verlieren. Man könnte sich Millionen von Beispielen ausdenken, die aus wissenschaftlicher Perspektive völlig unmöglich sind.

Monster, das weiß jedes Kind, kann es nicht geben. Und das macht sie, wenn wir sie trotzdem in unsere Gedanken lassen, zu einem Rätsel für unsere Psyche. Wir können Monster nicht mit den Dingen, die wir über unsere Umwelt gelernt haben, in Einklang bringen. Sie sind Übergangswesen, die in keine der Kategorien für “natürliche Dinge” passen, die jeder in unserer Gesellschaft gelernt und akzeptiert hat. Sie passen nicht ins System, sondern verletzen es. Und damit gefährden sie unser Allgemeinwissen.

Oft wird auch der Ursprung eines Monsters irgendwo außerhalb der realen Welt verortet: In unseren Träumen (A Nightmare on Elm Street), im Weltall (Alien) oder in einer anderen Dimension (Stranger Things). Oder sie kommen aus der Tiefsee oder leben unter der Erde, wo Menschen normalerweise nicht zu Hause sind und sich nicht auskennen. Sie lauern uns auf Friedhöfen auf, leben in der Kanalisation oder in verlassenen Anstalten – alles Orte, die nicht zur alltäglichen Umwelt eines Menschen gehören. Es scheint, dass Monster immer im uns Unbekannten zu Hause sind. Und was gibt es gefährlicheres als das Unbekannte?

„Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“H. P. Lovecraft


Quelle:

“The Nature of Horror”, Noël Carroll, The Journal of Aesthetics and Art Criticism © The American Society for Aesthetics (1987), 46:1, 51-59. http://www.jstor.org/stable/431308

Wir wollen Monster nicht sehen, sondern erahnen

…zumindest, wenn wir uns ordentlich gruseln wollen. Du hast das sicher schon erlebt: Ein dunkler Wald, sinnvolle Dialoge, spannende Musik – der Film fängt vielversprechend an. Und dann wird nach fünf Minuten schon das Monster gezeigt, und zwar in Gänze und unverhüllt. Storys, die das machen, sind für mich sofort gestorben, die Spannung ist dahin. Aber warum ist das so? Wenn wir uns doch vor dem Monster fürchten, warum fürchten wir uns mehr, solange wir es noch nicht gesehen haben?

Ich versuche wieder eine Erklärung aus evolutiver Sicht: 

Unsere Angst vor bestimmten Gefahrenbildern ist angeboren, wir haben dafür ein “Alarmsystem”. So ziemlich jeder erkennt eine tödliche Gefahr, wenn sie vor ihm steht (knurrender Wolf, Durchgeknallte mit Messer in der Hand), und jeder wird auf eine solche Gefahr mit körperlicher Alarmierung reagieren, ob nun für die Flucht oder für den Kampf. Das hatten wir ja schon. Aber: Es geht für unser Alarmsystem nicht nur darum, reellen Gefahren auszuweichen, sondern es geht auch – oder vielleicht vielmehr! – darum, Gefahren vorherzusehen. Genau um dieses Vorstellungsvermögen geht es, und es macht Sinn, dass wir es besitzen:

Unsere Vorfahren haben sich offensichtlich gut daran getan, nicht erst vor einem Wolf zu fliehen, wenn der bereits zum Sprung ansetzt, sondern schon im Vorfeld auf Zeichen zu achten, die seine Gegenwart (indirekt) anzeigen. Wir sind also gut darin, Gefahren vorherzusehen oder zu erahnen, ja wir können gar nicht anders, als unsere Umgebung ständig nach Zeichen abzusuchen, die eine Gefahr signalisieren könnten, ob bewusst oder unbewusst.

Hier kommt die Kraft der Vorstellung ins Spiel. Solange wir eine Gefahr nicht sehen aber erahnen können, erzeugen wir ersatzweise ein mentales Bild von ihr. Dieses Bild gleichen wir mit Informationen ab, die unsere Umwelt uns liefert: Wie groß scheint das Ding zu sein, das da im Wald raschelt? Ist es aggressiv, habe ich so etwas schon mal gesehen, kann es mich ernsthaft verletzen? Solange ich diese kritischen Fragen nicht beantworten kann, muss ich vom Schlimmsten ausgehen. Gleichzeitig muss ich so schnell es geht so viele Informationen über die Gefahr sammeln, wie möglich ist, das heißt, dass meine Aufmerksamkeit (= Interesse an dem Gegenstand, Wachsamkeit), meine gefühlte Anspannung, und meine Weglauf-Bereitschaft an einem Maximum sind.

Wird mir die Phase, in der sich all das aufbauen kann, genommen, indem das Monster direkt gezeigt wird, dann kann sich gar nicht viel Anspannung sammeln. Dann kann ich nur müde sagen: „Davor soll ich Angst haben?“ Der Trick  besteht scheinbar darin, die Gefahr imminent werden zu lassen, indem man nur die Ahnung einer Gefahr hervorruft.

Bei mir spielt sicherlich auch eine Rolle, dass durch das Nicht-Zeigen des Monsters mein Verstand keine Argumente hat. Solange mir das grüne Schleimmonster nicht gezeigt wurde, kann er auch nicht sagen „Was soll DAS denn bitte sein…“. Man blendet den Verstand sozusagen aus und spielt stattdessen allein mit dem emotionalen Ziel, also mit der Angst. Solange die Gefahr zwar offenbar da ist, aber nicht richtig sichtbar, kann ich mich ungehindert der Angst hingeben, dass es das schlimmste Monster ist, das ich mir überhaupt vorstellen kann.


Quellen

„Monsters Evolve: A Biocultural Approach to Horror Stories“ von Mathias Clasen, Universität Aarhus, Dänemark. Review of General Psychology © American Psychological Association (2012), 16:2, 222–229. DOI: 10.1037/a0027918

„Threat-detection in child development: An evolutionary perspective“ von Pascal Boyer & Brian Bergstromb, Departments of Psychology and Anthropology, Universität Washington, St. Louis, USA. Neuroscience and Biobehavioral Reviews (2011) 35, 1034–1041. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2010.08.010

Warum liefern wir uns Horror freiwillig aus?

„Ein Unfall auf der anderen Straßenseite. Wie schrecklich! Da muss ich hingucken.“ Wer kennt dieses Klischee nicht? Sich für etwas Schreckliches zu interessieren, gilt normalerweise als verwerflich. Dabei steckt dahinter etwas, das evolutiv gesehen durchaus Sinn hat.

Wie so oft in der Wissenschaft, hilft ein Blick auf die Sache, wenn sie nicht funktioniert: Eine Frau, deren Amygdala (das Gehirnareal, in dem Angst entsteht) beschädigt ist, wurde in Experimenten verschiedenen angstauslösenden Reizen ausgesetzt, die bei anderen Probanden bestens funktioniert haben: Vogelspinnen, Giftschlangen, Szenen aus populären Horrorfilmen. Sogar eine Tour durch ein Geisterhaus hat man mit ihr gemacht. Weil durch die Gehirnschäden ihr Emotionszentrum nicht mehr richtig funktionierte, hat sie keine Angst gezeigt – stattdessen aber Neugier. Sie musste regelrecht davon abgehalten werden, die giftigen Tiere anzufassen. Bei der Geistertour durch ein altes Sanatorium wollte sie mit den “Monstern” sprechen, hat ihnen zugelächelt und ihren Körperkontakt gesucht. (Sie hat sogar eines der “Monster” erschreckt, als sie es mit dem Finger anstupste.) Dieser Fall zeigt ziemlich deutlich, dass Monster und Gefahrensituationen in uns nicht nur Angst hervorrufen, sondern auch Neugier

Aber welchen Sinn hat das? 

Angst vor etwas zu haben, das uns gefährlich erscheint, hat natürlich Sinn, denn das bereitet den Körper darauf vor, vor der Gefahr wegzulaufen oder zu kämpfen. Ist es da nicht kontraproduktiv, wenn gleichzeitig noch Neugier mitspielt? Nicht wirklich: Neugierig zu sein heißt nichts anderes, als den Drang zu verspüren, ein Objekt oder eine Situation näher zu untersuchen, um sie besser einschätzen zu können. Wenn wir eine potentiell gefährliche Situation erleben, macht es durchaus Sinn, sie genauer zu erkunden und dabei besonders aufmerksam (neugierig) zu sein, um besser einschätzen zu können, womit wir es zu tun haben, welche Reaktion angemessen wäre und was wir in Zukunft von ähnlichen Situationen erwarten können.

Anders gesagt: Wir sind mit dieser „Neugier am Schrecklichen“ ausgestattet, damit wir unser Alarmsystem auf die Gefahren, die uns umgeben, kalibrieren können. Denn unsere Angstreaktion ist zwar genetisch festgelegt, aber sie ist nicht 100%ig festgelegt auf einen bestimmten Feind, der ein bestimmtes Aussehen oder Verhalten hat. Je nachdem, wo wir uns aufhalten, müssen wir uns schließlich anderen Gefahren anpassen können. Ein Kind in der Sahara Afrikas sieht sich anderen Feinden ausgesetzt als ein Inuit in der Arktis. Auch können sich Gefahren im Laufe der Zeit verändern. Deshalb ist es wichtig, dass unser Alarmsystem lernfähig ist.

Anstelle von Neugier könnte man die treibende Kraft auch Interesse nennen: Wer kennt das nicht von sich selbst aus der Schule? Wenn uns etwas interessiert, lernen wir schnell darüber. Was mich gar nicht interessiert hat, war Mathe – und ich bin bis heute nicht gut darin. Ich lerne es einfach schlecht, weil ich kein Interesse daran habe. Aber es bringt mich halt auch nicht um, kein Mathe zu können. Wenn ich Gefahren keine Aufmerksamkeit schenken würde, könnte sich das auf mein Überleben schon verkürzend auswirken. Man könnte sagen: Evolutiv gesehen hat sich bei jedem von uns ein gewisses Interesse an Gefahren – eine „Aufnahmebereitschaft“ – durchgesetzt, weil es eben überlebenswichtig ist, Gefahren Aufmerksamkeit zu schenken.

Okay, Monster sind also spannend. Aber ist euch das schon mal aufgefallen: Monster sind am gruseligsten, wenn wir sie nicht sehen, sondern nur erahnen…

Weiter zu Teil 4: Wie wollen Monster nicht sehen, sondern erahnen

Unechte Gefahren, echte Angst

3 warum angst wenn nicht echt

Autoren, Filme- und Hörspielmacher können froh sein, dass wir uns nicht nur vor echten, sondern auch vor unrealistischen Gefahren fürchten. Unser Gehirn ist scheinbar nicht sehr gut darin, “echte” Gefahren von “unechten” (z.B. Fernsehbildern) zu unterscheiden. Nicht umsonst griffen Wissenschaftler für die Erforschung von Angst-Reaktionen besonders gern zu The Shining und Das Schweigen der Lämmer, um Angst in ihren Probanden auszulösen.

Eine Erklärung dafür, dass wir beim eigentlich harmlosen Film Gucken Angst empfinden, sind zum einen unsere extreme Abhängigkeit von unseren Hör- und Seh-Sinnen und zum anderen die Wichtigkeit unserer Emotionen. Wenn man beispielsweise in einem gläsernen Aufzug nach oben fährt, wird einem ganz schön unwohl. Wir können uns noch so oft sagen, „Ich kann nicht durch das Glas fallen, ich kann nicht durch das Glas fallen“, aber der Sehsinn ist normalerweise stärker. Auch Emotionen sind so überlebenswichtig, und so tief in uns verankert, dass sie unsere Reaktionen in solchen Situationen stärker beeinflussen als rationale Überlegungen. „Kein Mädchen kann aus dem Fernseher kriechen und mich umbringen“ ist genauso wenig ein Argument für unser Gehirn wie „Man kann nicht durch einen Glasboden fallen“.

Der Grund dafür, dass Glasböden und Fernseher für unsere Angstreaktion keine Relevanz haben, liegt auf der Hand: In der Zeit, zu der unsere Emotionen entstanden sind – also vor Millionen von Jahren –, gab es weder durchsichtiges, stabiles Material (Glas) noch elektronische, bewegte Bilder (Film). Unser Alarmsystem hatte also keine Chance, diesen Unterschied zu erlernen. Und selbst wenn, wäre es ihm vielleicht egal. Denn durch eine schnelle Reaktion sein Überleben zu sichern ist ein viel stärkerer Evolutionsdruck als „sich nicht veräppeln zu lassen“.

Beim Lesen fällt der Sehsinn natürlich quasi weg – die Bilder entstehen allein in unserem Kopf. Trotzdem kann ein spannendes Buch durchaus Grusel auslösen (am besten hat dies bei mir Es von Stephen King geschafft). Wir sind nämlich sehr gut darin, Gefahren zu erahnen, also ein mentales Bild aufzurufen, das die potentielle Gefahr zeigt. Und selbst ein rein mentales Bild kann, wie nicht nur fleißige Leser wissen, sehr kraftvoll sein.

Wir sind also sozusagen „zu schlecht“ darin, unechte von echten Gefahren zu unterscheiden, und deshalb können auch Filme und Bücher echte Angst in uns auslösen. Und warum tun wir uns das dann freiwillig an?

Teil 3: Warum liefern wir uns Horror freiwillig aus?

Warum haben wir Angst?

2 warum haben wir angst

Die Wissenschaft vermutet, dass weit verbreitete Ängste – z.B. vor Spinnen, Schlangen oder großer Höhe – einen evolutiven Ursprung haben und nicht (nur) anerzogen sind. Demnach sind unsere Ängste das Resultat einer millionenjahrelangen Anpassung, um Gefahren schnell zu erkennen und zu überleben, indem wir ihnen erfolgreich ausweichen. Alle gesunden Menschen haben Angst, denn wir alle haben eine gemeinsame Geschichte, die vor etwa 5 bis 7 Millionen Jahren mit der Linie des Homo, und vor 200.000 Jahren mit den ersten Homo sapiens begann. Als Menschen noch als Jäger und Sammler im Wald lebten, war es durchaus überlebenswichtig, raschelnde Geräusche in der Nacht als Gefahr zu deuten. Stellt euch mal vor, ein kleines Kind, das noch nie allein im Wald war, hört neben sich etwas rascheln. Kurz darauf ist ein Knurren zu hören. Woher weiß das Kind, dass es weglaufen sollte? Woher kennt es das Konzept „Gefahr“, wenn es noch nie im Leben einer Gefahr ausgesetzt war? Damit auch Unerfahrene die Gefahr als solche erkennen, hat sich die Natur eines zuverlässigen Tricks bedient: Wir haben Emotionen, wir verspüren Angst.

Auch heute noch helfen Emotionen bei der Entscheidungsfindung in brenzligen Situationen. Denn sich aufgrund eines Gefühls zu entscheiden, geht sehr viel schneller, als erst über das Problem nachzudenken. Diese Schnelligkeit steckt nach wie vor in uns, wie ein simpler Versuch zeigt: Menschen finden in einem Bild voll Blumen sofort die versteckte Schlange, aber andersherum (eine Blume zwischen vielen Schlangen) dauert es beträchtlich länger.

Angst ist eine angeborene Anpassung, um auf Gefahren schnell reagieren zu können. Wenn man erst lernen müsste, dass Tiger tödlich sind, hätte man beim ersten Versuch schon verloren. Dass das Weglaufen vor einem Tiger oder Krokodil durchaus Sinn hat, erklärt sich von selbst. Aber warum haben wir auch Angst, wenn die Gefahr ganz offensichtlich nicht real ist und uns nichts tun kann, wie zum Beispiel beim Film Gucken oder Lesen?

Teil 2: Warum haben wir auch Angst, wenn die Gefahr nicht echt ist?

Die Liebe zur Angst

1 die liebe zur angst

Angst ist ein grässliches Gefühl. Niemand fühlt sich wohl, wenn im Vorstellungsgespräch die Hände schwitzig werden und die Stimme beginnt, zu beben. Die Überwindung, den Schwarm endlich auf einen Kaffee einzuladen, kostet ganz schön Mut. Und Bungee-Jumping? Ich würde nicht mal vom 10-Meter-Turm springen…

Trotzdem liebe ich gruselige Bücher und Horrorfilme. Obwohl sie mir Angst machen. Gut gemachte Szenen lassen mich sogar vom Sitz aufspringen, etwas, das nicht einmal mein zukünftiger Chef im Vorstellungsgespräch schafft. Wenn Grusel, Monster und Horror mich so aufregen, wieso tue ich mir das immer wieder freiwillig an?

Ich habe schon oft gehört: „Das ist doch dasselbe wie Achterbahnfahren. Erst hat man Schiss, aber hinterher spürt man diesen Kick.” Ganz so einfach ist das mit dem Gruseln aber nicht. Das Phänomen wurde bereits wissenschaftlich untersucht und wird noch immer erforscht. Da ich mich als Grusel-Liebhaber für das Thema begeistere und gern über die Dinge, die mich begeistern, schreibe, fasse ich für euch in vier Teilen zwei sehr interessante Forschungsartikel* zu dem Thema zusammen.


*Quellen

„Monsters Evolve: A Biocultural Approach to Horror Stories“ von Mathias Clasen, Universität Aarhus, Dänemark. Review of General Psychology © American Psychological Association (2012), 16:2, 222–229. DOI: 10.1037/a0027918

„Threat-detection in child development: An evolutionary perspective“ von Pascal Boyer & Brian Bergstromb, Departments of Psychology and Anthropology, Universität Washington, St. Louis, USA. Neuroscience and Biobehavioral Reviews (2011) 35, 1034–1041. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2010.08.010